Auf Facebook stieß ich auf den Text eines Götz Schrage, der meine Aufmerksamkeit erregte. Schrage beklagt darin die Weigerung der Wiener Kaffeehausbetreiber die Patenschaft für die Israelischen Teilnehmer zum ESC zu übernehmen. Soweit so gut. Allerdings ist der Text, was Geisel Versöhnungkitsch nennen würde, gepaart mit einer gewissen Geschichtsvergessenheit, woraufhin ich mich erdreistet habe Kritik zu üben.


Die Wiege der Wiener Kaffeehauskultur: Jüdisches Bürgertum und Intelligenz im Café Central. Diese Tradition endete nicht mit einem ‚Betriebsunfall‘, sondern mit Raub, Vertreibung und Mord. © PalaisEvents
Mich hat sein Punkt mit den Alliierten gestört, also schrieb ich, „All die wunderbaren jungen Menschen der Alliierten, die jungen Amerikaner, der jungen Franzosen, der ungezählten Russen und der Engländer sind dafür gestorben, um dieses Wien äußerlich von den Nazis zu befreien.“ Tut mir leid, aber das klingt wie die Lebenslüge vieler Österreicher, besonders nach den Gesprächen in Moskau 1955. Man war halt das erste Opfer. Die Alliierten haben weder Deutschland noch Österreich befreit, sondern unter großen Verlusten besiegt. Und nicht umsonst wurde Helmut Qualtinger für sein Stück „Der Herr Karl“ als Nestbeschmutzer diffamiert. Man hatte es sich schön eingerichtet, die Piefke waren die Mörder und Österreich leistete Widerstand. Es wäre besser wenn Herr Schrage die Alliierten nicht erwähnt hätte, die können am allerwenigsten für die Situation und sich lieber auf die Kaffeehaustradition beschränkt, die war nämlich eng mit dem jüdischen Leben in Wien verbunden.“

Wien, März 1938: Der ‚Anschluss‘ wurde johlend gefeiert. Die ‚Befreiung‘ durch die Alliierten war ein Sieg über diesen Vernichtungswahn, den die Wiener Elite und breite Bevölkerungsschichten aktiv mitgetragen hatten.

[ © Bundesarchiv, Bild 146-1972-028-14 / CC BY-SA 3.0 DE
Und das war ein schwerer Fehler, vor allem weil ich auf Karl Lueger verwiesen habe mit dem Hinweis, dass sich Österreich mit dem Moskauer Vertrag von 1955 selbst die Absolution erteilte und ab da Opfer war. Für Schrage eine Majestätsbeleidigung, also ließ er die Hosen runter und unter der Fassade des „besorgten Bürgers“ der einen negativen Ruf Wiens fürchtet schrieb er, „Es wäre am besten Sie würden meinen Text nochmals langsam lesen anstatt sich als Hobbypsychologe zu blamieren. Schön Sie haben vom Herrn Karl gehört.Respekt dafür, aber Ihre Assoziationen sind peinlich und lächerlich. Und ich flehe Sie an spekulieren Sie nicht darüber, was ich besser mal erwähnen sollte und was nicht. Sie wissen nichts von mir, Sie kennen einen Text von mir und den haben Sie nicht im Geringsten verstanden und was Sie meinen, es würde aus meinem Text „klingen“, klingt nur in Ihrem Kopf.“

© Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Ende jüdischer Kaffeehäuser
Bämm, das saß. Schrage ist nicht nur nicht fähig zu reflektieren, er hat sich offensichtlich die Lebenslüge zu eigen gemacht, dass es sich ja nur um einen Betriebsunfall handeln kann und dahinter die „ungewaschene Drecksidioten“ stecken können, nicht wissend, dass Wien von den Nazis befreit wurde. Nun wurde Österreich nicht von den Nazis befreit, die Alliierten die er beschreibt waren keine Sozialarbeiter und Wohlfühlpsychologen sondern haben ein Menschenverachtendes Regime unter den größten Anstrengungen besiegen müssen. Und da kommt Schrage mit seinem Kaffeehauskitsch, der sich die Geschichte zurecht rücken will in dem er davon schreibt, „jedes Wiener Kaffeehaus wird in der Tradition immer mit Israel verbunden sein und jedes Wiener Kaffeehaus sollte sich zu seiner Tradition bekennen.“ Kein Wiener Kaffeehaus ist in Tradition mit Israel verbunden, es war das jüdische Bürgertum, dass die Wiener Kaffeehaustradition begründete und die mit 1938 schlagartig endete.
Das Geschichtsarchiv der Stadt Wien schreibt dazu
Die Situation des Wiener Kaffeesiedergewerbes war nach dem „Anschluss“ durch ein Überangebot gekennzeichnet. Dies nützten die NS-Machthaber zu einer „Strukturbereinigung“ zumal die Wiener Kaffeehauskultur als „jüdisch“ diskreditiert wurde. Kaffeehäuser mit jüdischen Besitzern wurden zur Schließung gezwungen oder „arisiert“ und weit unter deren Wert an Parteigenossen verkauft. Manche NSDAP-Mitglieder engagierten auch Schlägertrupps die jüdische Besitzer aus ihren Cafés prügelten und zum Verkauf oder zur Schließung nötigten. Einige durchaus profitable Kaffeehäuser wie das Café Herrenhof und das Ring-Café wurden aus ausschließlich ideologischen Gründen geschlossen, weil sie für „jüdische Kaffeehauskultur“ standen.
Durch die Alliierten verschwand der Vernichtungswahn, der Antisemitismus aber nicht und die Entnazifizierungen fielen irgendwann komplett aus dem Program, man war ja Opfer, nicht Täter. Das sollte Herr Schrage eigentlich wissen, vor allem wenn man sich den Anstieg von antisemitischen Straftaten seit 2023 anschaut. Die IKG schreibt, „dass vom 1. Jänner 2025 bis 30. Juni 2025 insgesamt 726 antisemitische Vorfälle in Österreich registriert. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 808 Vorfälle, im ersten Halbjahr 2023 belief sich die Zahl auf 311.“ Entweder lag Herr Schrage und die ihm zustimmen, im Koma oder die IKG lügt. Bezeichnend ist, dass jüdische Musiker aus einem Restaurant geworfen wurden, nachdem der Kellner registrierte, dass sie Hebräisch sprechen. Die anderen Gäste verhielten sich still, niemand hat sich den Israelis solidarisch gezeigt.
Die Weigerung der Kaffeehäuser ist kein „Betriebsunfall“ wie Schrage sugerieren möchte, sondern ein strukturelles Problem. Es geht auch nicht um „ungewaschene Drecksidioten,“ die sieht man mit Sicherheit nicht im Havelka Buchteln essen und Melange genießen. Es ist Salonfähig seine Abneigung, gegen alles jüdische und israelische sichtbar zu machen. Das mag Schrage gefallen oder nicht, seine Beleidigungen mir gegenüber sprechen Bände. Wer zur Reflexion nicht fähig ist und glaubt anderen moralisch überlegen zu sein, der sollte lieber den Mund halten und am besten gar nichts schreiben. Solche Texte helfen weder dem jüdischen Leben, noch israelischen Musikern oder Touristen.

726 antisemitische Vorfälle im ersten Halbjahr 2025. Der Rauswurf hebräisch sprechender Musiker ist kein ‚Sicherheitsproblem‘, sondern struktureller Hass mitten im bürgerlichen Wien. Wer das leugnet, hat die Situation nicht begriffen. Jüdisches Museum Wien, Judenplatz. © JMW / Sebastian Löblich
Götz Schrage ist der Prototyp des ‚Wohlfühl-Antifaschisten‘, den Eike Geisel und Wolfgang Pohrt mit Verachtung gestraft hätten: Lautstark gegen die ‚Anderen‘, aber unfähig, den Antisemitismus in der eigenen Mitte und die fortlebende Lebenslüge der eigenen Kultur auch nur ansatzweise zu reflektieren.
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